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INTERVIEW: DR. JAN RÄKER - MLADEN PETRIC VS. DFB

Wenn der kleine Tim im Kindergarten seinen kroatischen Sitznachbarn Ivi vom Stuhl schubst oder wahlweise einen Tritt verpasst, dann gibt's von der Kindergärtnerin ein "...sowas darfst Du nicht machen Tim...", zuhause einen Tag Stubenarrest und Fernsehverbot. Dinge, die uns, auch als noch so brave Kinder, bestimmt früher auch passiert sind. Wenn allerdings der große Mladen den großen Marco umschubst, wird dieses je nach Branche fast schonmal mit einem Berufsverbot bestraft. In diesem Fall darf sich der große Mladen dann mal für mehrere Meisterschaftsspiele auf die Tribüne setzen, um dort allenfalls auf dem Stuhle rumzurutschen anstelle andere Spieler umzuschubsen. HSV3000.de hat die zeitlich doch etwas ungewöhnliche Anschlussperre von Petric, die direkt auf Olic folgte, mit dem HSV-Justitiar Dr. Jan Räker etwas näher beleuchtet. Räker war bei der mündlichen Verhandlung beim DFB in Frankfurt am letzten Donnerstag (12.02.) dabei. Wann seiner Meinung nach einem Spieler ein Spiel Sperre zusätzlich gut bekommen würde, warum der HSV seine eigenen Fernsehbilder zur Verhandlung mitgebracht hat oder weshalb Petric ausgerechnet im Spiel gegen Karlsruhe vom Platz flog, erfahrt ihr hier.


Jan Räker vertritt die Rechte des Hamburger SV e.V.

HSV3000.de: Dr. Räker, Petric hat die rote Karte für das Foul gegen Marco Engelhardt vom KSC gesehen und dafür eine Sperre von zwei Meisterschaftsspielen erhalten. Trotz der vielen Wiederholungen im TV sah es für uns Fans allenfalls gelbwürdig aus, warum überhaupt Rot?

Dr. Jan Räker: Allem zu Grunde liegt der §8 Nr. 1 c) RuVO (Rechts- und Verfahrensordnung des DFB). Bei Rot gibt es die Mindestsperre, das heißt ein Spiel Pause. Selbst wenn die rote Karte unberechtigt ist, kann man nicht unter ein Spiel gehen, das ist FIFA Recht und der DFB setzt das um. Und je nach Vergehen gibt es eine erhöhte Mindestsperre, was hier zum Tragen kam. Für eine normale Tätlichkeit ist die Mindestsperre sechs Spiele. Im minderen aber schweren Fall der Tätlichkeit entweder durch Provokation oder einer leichten Tätlichkeit, dann ist die Mindestsperre drei Spiele. Wenn nun aber Provokation und eine leichten Tätlichkeit zusammenkommen, dann ist die Mindestsperre zwei Spiele. Mladen Petric hat die Mindestsperre für eine leichte Tätlichkeit bekommen. Unser Argument konnte also nur sein, dass es gar keine Tätlichkeit war. Dieser Meinung sind wir auch immer noch, nur die Richter waren es nicht.

HSV3000.de: Wie hat sich Mladen eigentlich persönlich dazu äußern müssen, war hier in Anbetracht der vielen TV Bilder überhaupt nochmal die Beschreibung des Zweikampfes nötig geworden?

Dr. Jan Räker: Ja genau, es läuft so wie bei einer gewöhnlichen Strafverhandlung, der Angeklagte wird gefragt, wie es denn genau gewesen ist und was er gemacht hat. Mladen Petric hat diese Situation aus seiner Sicht geschildert und es so beschrieben, wie es auch die Fersehbilder gezeigt haben, dass er von Engelhardt auch nach der Unterbrechung des Spieles massiv und ungewöhnlich lange, förmlich umarmt und bedrängt wurde und sich davon befreien wollte und dies dann auch gemacht hat.

HSV3000.de: Sie haben die Fernsehbilder eben nochmal angesprochen, wie wurden diese in der Verhandlung eingesetzt?

Dr. Jan Räker: Der DFB hatte das vorbereitet, aber wir hatten auch eine eigene DVD dabei, weil wir nicht wussten, welche Bilder der DFB hatte. Die hatten sich zunächst auf die ARD-Bilder gestützt, wo es deutlich schlimmer aussah, als es auf Premiere den Anschein machte und deswegen haben wir nochmal alle Bilder dabei gehabt. Diese Szene haben wir mehrfach in Standbild, Zeitlupe, mit und ohne Pause, in Normalgeschwindigkeit mindestens 20 mal angesehen, wobei klar wurde, dass Petric Engelhardt nicht mit dem Ellenbogen, sondern nur mit der flachen Hand wegschubst. Da war dann wirklich jedes Detail zu sehen, ob Engelhardt stehen bleiben kann, ob er wirklich fallen muss oder Mladen wirklich nur schubst, wie hart das ist und warum er den linken Arm so hoch genommen hat. Da konnte man in der Wiederholung irgendwann sehen, dass sein linker Arm eingeklemmt war, er also gar keine andere Chance hatte sich zu befreien, als den linken Arm in dieser Drehung hoch zu nehmen. Dadurch sah das ganze etwas heftiger aus, als es eigentlich war. Das wurde wahr genommen, die Tätlichkeit (und somit zwei Spiele Sperre, d. Red.) blieb dennoch bestehen.


RÄKER:"...SPIELESPERREN MANCHMAL EHER ZU HOCH!"
Keine Bücherwand mit Paragraphen - online ist die Devise.

HSV3000.de: Die klassischen "Ein-Spielesperren" nach der roten Karte kommen, so hat man das Gefühl, gar nicht mehr vor. Gerade in Anbetracht der vielen Sperren in der Liga, wie z.B. Diego (Bremen) 4 für den Würger, Olic 2(+3) u.a. Finger im Auge des Gegenspielers, Fromlowitz (Hannover96) 2 Spiele, Mertesacker (Bremen) 3 Spiele jeweils für eine Notbremse etc.. Ist da grundliegend eine Verschiebung in der Höhe des Strafmaßes zu erkennen?

Dr. Jan Räker: Aus meiner persönlichen Wahrnehmung gibt es da keine Steigerung, wobei ich mich jetzt aber auch nicht erinnern kann, dass es in der Vergangenheit mal anders gewesen ist. Das liegt wohl daran, dass es für viele Vergehen, die eine rote Karte mitsichziehen, einfach diese erhöhten Mindestsperren gibt. Wobei ich zugeben muss, dass ich selber bei dem einen oder anderen Foul auch denke, hier ist die Spielesperre aber ganz schön hoch ausgefallen, umgekehrt ist das schon seltener.

HSV3000.de: Bei Spielersperren kommt immer wieder der DFB-Kontrollausschuss ins Gespräch, welche Aufgabe hat dieser eigentlich?

Dr. Jan Räker: Der Kontrollausschuss ist sozusagen die Staatsanwaltschaft, dieser Ausschuss ermittelt und stellt einen Strafantrag, so auch hier. Der Verein kann kann entscheiden, ob er dem Antrag zustimmt oder hier schon widerspricht. Dann entscheidet in jedem Fall ein Einzelrichter ohne mündliche Verhandlung. Abschliessend kann der Verein einen Antrag auf mündliche Verhandlung stellen, wenn er mit diesem Urteil nicht einverstanden ist. In diesem Fall hat der HSV das getan und eine mündliche Verhandlung beantragt, die am Donnerstag (12.02. in Frankfurt beim DFB, d. Redaktion) stattgefunden hat.

HSV3000.de: Wem sitzt man da gegenüber?

Dr. Jan Räker: Beim Sportgericht des DFB sitzen in der Regel drei Richter, die dann über Mladens Sperre entschieden haben. Dazu gehört unter anderem auch ein Vertreter der Spielergewerkschaft, der ist dabei, um auch verschiedene Interessen zu vertreten. Und diese drei entscheiden dann entweder einzelnd oder einstimmig. Bei Petric war es leider einstimmig.

HSV3000.de: Votiert der Vertreter der Spielergewerkschaft denn tendenziell eher für den Spieler oder ist der genauso "neutral" wie seine beiden Kollegen?

Dr. Jan Räker: Der Vertreter der Spielergewerkschaft ist jetzt nicht als Anwalt des Spielers zu verstehen, der Spieler braucht schon seinen eigenen. Dieser Vertreter ist natürlich als Richter genauso "frei", wie die beiden anderen auch. Seine Anwesenheit soll sicher stellen, dass es objektiv abläuft, also dass es nicht dazu kommen kann, dass der DFB hier immer mit dem großen Prügel kommt, sondern dass hier auch Erfahrungen von einem Menschen mit einfliessen, der selber auf dem Fussballplatz gestanden hat und somit weiss, wie es ist.


RÄKER:"...NICHT IN SACK UND ASCHE ANKOMMEN!"
Petric & Co auf die sichere Seite bringen.

HSV3000.de: Marco Engelhardt hat in einem Interview das Foul von Petric relativiert und es auch als harmlos bezeichnet, konnte denn seine Aussage das Strafmaß nicht mildern?

Dr. Jan Räker: Jein, die Mindesthöhe für eine Tätlichkeit sind nunmal zwei Spiele. Daher konnte seine Aussage das Urteil der Richter nicht mehr mildern. Es kann aber durchaus sein, dass er erst wegen dieser Aussage nur die Mindeststrafe bekommen hat. Eine höhere Strafe war ja auch möglich.

HSV3000.de: Auch nicht, dass es seine erste rote Karte in seiner Spielerkarriere war?

Dr. Jan Räker (schmunzelt): Leider auch nein! Auch hier hätte nur das Gegenteil das Strafmaß erhöhen können.

HSV3000.de: Stichwort Reue zeigen, bringt das was vor den hohen Herren beim DFB?

Dr. Jan Räker: Also man muss nun nicht per se in Sack und Asche ankommen und sagen, um Gottes willen ich weiss, was ich getan habe, aber Reue kann natürlich eine Rolle spielen, vor allem, wenn sie fehlt. Wenn da ein Spieler auftritt und sagt, das A...... hatte das doch verdient, dann wird sich das schon auf das Strafmass auswirken, denn wenn ein Spieler auch eineinhalb Wochen später nicht in der Lage ist einzusehen, dass man keine Leute schlägt und schubst, dann bekommt ihm eine weitere Woche Abkühlung sicher nicht schlecht.

HSV3000.de: Geht der HSV in der Regel mit Präzedensfällen in solche Verhandlungen und bringt das überhaupt was?

Dr. Jan Räker: Es kann was bringen, es kommt aber natürlich auf die Situation an. Wenn es ein Urteil ist, in dem anders entschieden wurde, dann führt man das natürlich an. Am gleichen Wochenende gab es im Spiel Leverkusen - Stuttgart zwei Situationen, in den auch geschubst wurde. Einmal fällt der Spieler hin, der Täter bekommt gelb, einmal bleibt der Spieler stehen und es passiert gar nichts. Aber das hilft am Ende auch nicht, da der Schiedsrichter entscheidet, ob es rot ist oder nicht.


RÄKER:"...DFB IST OFFEN FÜR ARGUMENTE!"


HSV3000.de: Entwickelt man als Club auch so etwas wie einen Draht zu den Richtern?

Dr. Jan Räker: Nun ja, da es zumindest in der Amtszeit von Bernd Hoffmann (seit 01.02.2003, d. Red.), die erste mündliche Verhandlung mit Beteiligung des HSV war, trifft man sich also mit den Richtern nicht ganz so häufig, zum Glück! Es ist eine sachliche Atmosphäre, man sieht, dass sie für Argumente offen sind und auch zuhören. Nur dieses mal haben wir sie leider nicht überzeugen können.

HSV3000.de: Als Fan hat man häufig das Gefühl, dass der eigene Spieler zu unrecht bestraft wurde. Man vergleicht dann mit Strafen, die Spieler anderer Clubs erhalten haben und erkennt manchmal, in erster Linie rein subjektiv, dass andere Vereine, wie z.B. der FC Bayern hin und wieder bevorzugt werden. Hier und da fällt das Wort: Fussball Mafia DFB - gibt es eigentlich eine juristische Grundlage, dass dem so sein könnte?

Dr. Jan Räker: Es gibt jedenfalls kein offensichtliches Motiv, aus dem der DFB sowas tun sollte. Der DFB hat ja mittlerweile, seit die Bundesliga vom Ligaverband und der DFL selbst organisiert wird, überhaupt keine "Aktien" mehr in Sachen Bundesliga. Der DFB stellt die Sportsschiedsgerichtbarkeit und ist für das Scheidsrichterwesen zuständig. Ansonsten wird die Bundesliga mehr oder weniger in Selbstverwaltung organisiert. Vor diesem Hintergrund hat der DFB kein Interesse daran, dass Verein A oder Verein B besser steht. Es gibt ja auch noch andere Vereine, wo es immer wieder hieß, dass die konstant bevorzugt würden, eine objektive Grundlage, wo man sagen kann aus dem und dem Grund ist das so, gibt es da natürlich nicht.

HSV3000.de: Dass nun also ausgerechnet Petric direkt auf Olic folgte ist natürlich auch nicht auf irgendwelche Nicklichkeiten seitens des DFB gegenüber dem HSV zurückzuführen, ist aber mal salopp gesagt - gut abgepasst oder einfach nur ziemlich dumm gelaufen, oder?

Dr. Jan Räker: Das stimmt, aber wir haben Mladen auch extra gesagt, er soll so lange mit der roten Karte warten bis Ivi wieder da ist.

HSV3000.de (schmunzelt): Gute Idee, mehr davon und vielen Dank,

Dr. Jan Räker: Sehr gerne.
18.02.2009
www.hsv3000.de